12.12.2016

Postfaktisch?

Bernhard G. Suttner

Die Wahl zum Wort des Jahres zählt für mich nicht zu den Top-Ereignissen. Auch heuer interessiert mich weniger das Wort („postfaktisch“) als die Erklärung zu dieser „Wort-Wahl“: Es solle eine Haltung deutlich gemacht werden, die durch Verachtung der Faktenlage, gar durch Akzeptanz offensichtlicher Lügen und generell durch gefährliche Emotionalität bei abnehmender Rationalität gekennzeichnet sei.

Ist das alles wirklich typisch für 2016? Verhalten wir uns nicht seit Jahrzehnten schon postfaktisch? Wer hätte jemals ein Atomkraftwerk zugelassen, wenn die Fakten eine Rolle gespielt hätten? Wer würde immer noch Kohlkraftwerke laufen lassen, wenn es um die Fakten ginge? Wer würde absurde Raserei zulassen, wenn Fakten in der Verkehrspolitik eine Rolle spielten und nicht Profitinteressen und hochproblematische Emotionen („…aus Freude am Fahren!“)? Wer würde stetiges „Wachstum der Wirtschaft“ anstreben, wenn naturwissenschaftliche Fakten anerkannt würden? 

Man hört derzeit, dass der Erfolg des Donald Trump durch postfaktische Aussagen erreicht wurde. Kann schon sein. Ehrlich wäre es zuzugeben, dass wir alle „ein bisschen Trump sind“: Rational und faktenorientiert müsste der Flugtourismus einbrechen, der Verzehr ungeheurer Fleischmengen aufhören und der Klimaschutz zum Top-Thema bei allen Wahlen aufsteigen. Da dies alles seit langem niemals geschehen ist, leben wir wohl seit langem in postfaktischen Zeiten. Wenn schon eine Marke für diese Vokabel sein muss, dann bitte „Wort des Jahrhunderts“.